Wilde Töne, neue Landschaften, Weinen und animierter Schnee. CYNETART_13 Tag 4

Wieder CYNETART. Viel Zeit wird benötigt für diese Ausstellung, sich einlassen können. Auch wenn mitunter laute und wilde Geräusche entstehen, zum Beispiel beim Entlangfahren der Finger an den Rändern eines auf den Kopf gestellten Deltas, wie es die Arbeit ANÁDELTA der XEX GRP erlaubt. Hier befinden sich Sensoren, die auf die Berührung der Finger reagieren. Die Größe des Deltas zwingt den Betrachtenden, sich zu bewegen und seinen Körper in ein Verhältnis zum Objekt zu bringen.
Ein anderer Raum. Langsam entstehen auf einer großen Doppelprojektion über Eck neue Landschaften. „No Land in Sight“ ist der Titel. Wolken werden ausgeschnitten, neu platziert, ein Berg kleiner geschnitten, der Horizont verrückt. „Das ist doch nur Photoshop, das ist doch einfach“ sagt ein Besucher. Aber es sind Videosequenzen, die hier durch die Veränderung vorgefundenen Materials von Nicolás Ruppcich und Frank Leffrak entstehen, fiktive Landschaften unter hellblauem Himmel.
Im Eingangsbereich steht eine Wand aus vielen Monitoren. Porträts unterschiedlicher Menschen sind zu sehen. Die Menschen weinen oder sind kurz davor. Der Titel ist kompliziert: „@BASJANADER #I’MTSTTY“ von Sven Bergelt. Die App hilft, mir wird erklärt, dass es sich um ein Reenactment des Films „I’m too sad to tell you“ (1971) von Bas Jan Ader handelt. Darin bricht der Künstler vor einer Kamera sitzend in Tränen aus, als Möglichkeit der nonverbalen Kommunikation – oder zum Aufzeigen der Grenzen sprachlichen Ausdrucks. Begelt hat 2007 ein Reenactment des Films produziert und auf YouTube hochgeladen. Die Filmsequenzen auf den Monitoren zeigen die Reaktionen von Nutzerinnen und Nutzern, die hier wiederum das Video von Begelt reenacten.
In einem weiteren Raum steht ein kleiner Monitor auf dem Fußboden an der Wand, fast unbeachtet im Durchgang. Gegenüber ein Kissen, auf das man sich setzen könnte. Ist dies „SNOW“ von KONG Chun-Hei? Ich bleibe stehen. Ein älterer Herr kommt vorbei und sagt „Da ist ja nichts zu sehen.“ Ich erwidere „Doch.“. Er sagt „Na ja, Bildstörung.“ Ich setze mich hin und betrachte das Rauschen auf dem Monitor noch eine ganze Weile.

Später finde ich dies im Netz:

Snow

One day, I sat in front of the television and waited for the coming programe, but suddenly, the television lost the signal and „snow“ overwhelm for a while. Without other programs, the television is working in it’s specific way. It seems being liberated owing to the disorder.
I drew 20 pieces of „snow“ and used them to make an animation which is shown on a television. So that, „snow“ could be isolated from the other channels and be treated as the only speech of the television.

http://www.kongchunhei.com/snow.html


Körper, Stimmen, Texte und ein Kasten. CYNETART ’13 Tag 3

CYNETART im Festspielhaus Hellerau. In der Performance „Flesh Waves“ (Isabelle Choinière, Audrey-Anne Bouchard und Ricardo Dal Farra) bilden fünf Frauen ein Knäuel aus Körpern, manchmal wirken sie wie ein atmender Organismus, sich ausdehnend und wieder zusammenziehend, wie ein Meerestier, eine Molluske, ein Zellenhaufen. Das Publikum sitzt sehr nah dran, es ist dunkel, der Sound wandert durch den Raum. Das Atmen, Ächzen, Singen der Tänzerinnen scheint von überall her zu kommen. Eine sinnliche Erfahrung, angenehm reduziert, bis leider Plastikfolie ins Spiel kommt. Diese erzeugt zwar gute Geräusche, bringt aber neben dem Sound und den Körpern ein weiteres Material/Element ein, welches fast übermächtig wirkt und das angenehm Puristische der Performance auflöst. Andererseits ist es als weiteres Element vielleicht auch notwendig, weil es das sich Drehen um die eigene Körperlichkeit, den scheinbar autonomen Organismus mit etwas Fremdem, einem neuen Material und einem Außen konfrontiert.
In der Ausstellung entdecke ich einen dunklen Kasten. An der Seite sind Lautsprecher, vorne ist ein großer silberner Knopf angebracht, eine Art Regler. Ein Besucher setzt sich auf den Kasten und beginnt, am Regler zu drehen. Seine Freunde meinen, eine Veränderung in der nahen Projektion einer anderen Arbeit zu entdecken. Interaktion? Sie sind sich nicht sicher, ob sich wirklich etwas verändert und ziehen weiter. Ein weiterer Besucher kommt und dreht am Knopf. Horcht am Kasten, aus dem leise Geräusche kommen. Enttäuscht geht auch er weiter. Ich sehe mich um und entdecke im Vorraum ein Plakat, das erklärt, wie man eine App herunterladen kann, eine Art Ausstellungsguide. Ich klicke mich durch das Procedere und gebe die Nummer der Arbeit ein. #40. Hannes Waldschütz: Volume (2011). Das Geräusch wird lauter, während ich vor dem Kasten stehe. Ich warte. Möchte herausbekommen, wie laut es wird. Einem Pärchen, das irritiert vor dem Kasten steht, erkläre ich, dass das Geräusch lauter wird, solange es nicht mit dem Knopf heruntergeregelt wird. Wir warten gemeinsam. Das Geräusch wird lauter. Ein Mann kommt und greift sofort nach dem Knopf, stellt das Geräusch leise – wir haben keine Chance, so schnell zu interagieren, wie er mit der Maschine interagiert.
Eine Audioinstallation in einem anderen Raum: „Calling Utopia“ (2013) von Hannah Sieben. Auch diese Arbeit benötigt Zeit. Zuhören. Texte lesen. Verstehen. Wechselnde Stimmen antworten am Telefon, beschreiben ihren Ort, „Utopia“ in Texas. Ein idyllischer Ort, scheinbar. Doch schnell wechseln die Beschreibungen, Konflikte werden deutlich, Störungen schalten sich dazwischen. Im gleichen Raum ist Timo Hinzes Arbeit „Die flüssige Fabrik“ zu sehen. Auch hier viel Text, kollektives Lesen, schmunzelnde Besucher/-innen. Es geht um Arbeit, um Machtstrukturen, um das Subjekt und seinen Versuch der Selbststeuerung.
Morgen weiter.


CYNETART 2012


So sah es am Donnerstag aus, das Festspielhaus Hellerau, zur Eröffnung der CYNETART, des Festivals computergestützter Kunst in Dresden. Leise begann es, geradezu vorsichtig. Schüchtern drang das Publikum in die Räume vor, unternahm erste Kontaktaufnahmen mit der Skulptur von Kerstin Ergenzinger, „Rotes Rauschen“. Lebendig wirkt das Ding, das da im Raum hängt, groß und schwarz und gummiartig wie ein Wal. Es scheint auf die BewEgungen der Besucher/-innen zu reagieren – oder auf die Stimmen? Schnell reden wir über „ihn“, sprechen über „das Wesen“ als wäre es nicht nur ein Stück Material, eine kinetische Skulptur.
Die „Wellenfelder“ von Julius Stahl sehen aus wie ein Objekt, Felder aus Drähten bilden ein spitziges Gegenüber. Beim Herantreten wird deutlich, dass sie sich bewegen, schwingen, doch warum? Von einem Besucher lerne ich, dass dies aufgrund von nicht hörbaren Klängen geschieht, von Niederfrequenztönen, die die Drähte in Schwingungen versetzen. Für das menschliche Ohr sind diese Töne nicht vernehmbar.
Und dann noch „Hu.M.C.C.“ von Maja Smjekar – ein Yoghurt, hergestellt aus den Enzymen der Künstlerin, hochtechnologisch, zukünftiger Nahrungsmittelknappheit entgegenwirkend. In einem Kühlschrank befinden sich Töpfchen mit der Zukunftsvision, zum Probieren. Vorher muss der Testende ein Formular unterschreiben, dass er auf eigene Gefahr probiert – ein Scherz? Fallen wir wirklich darauf rein? Oder geht das? Gibt es das schon? Kann man das machen? Darf man das?

Es wurde dann doch noch laut, später, mit dem Beat von Moritz Simon Geists Musikcomputer.

Julius Stahl: „Wellenfelder“ (2012)

Kerstin Ergenzinger: „Rotes Rauschen“ (2012)


Heute noch hin!

Heute ist der letzte Tag der Cynetart in Hellerau – mit einem langen Abend (Nacht?) mit Musik – Installationen – Clubbing – Projektionen – Immersion – Kommunikation…:


Cynetart 2011

Bild: CYNETART 2011

Die 15. Ausgabe des Festivals für computergestützte Kunst CYNETART steht ganz im Zeichen des vor 100 Jahren eröffneten Festspielhauses Hellerau. Das speziell von Heinrich Tessenow für die proklamierte „Befreiung des Körpers“ entworfene Gebäude wird vom 16. bis 26. November 2011 in ein Raum-Labor verwandelt, in dem kulturelle, künstlerische und wissenschaftlich-technische Dimensionen heutiger wie künftiger Körperwahrnehmung erfahrbar werden. An der Schnittstelle zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit können Besucher innerhalb verschiedenster Versuchsanordnungen ihre Leiblichkeit neu oder anders erfahren.