Vortrag&Diskussion: Der Europäische Referenzrahmen für Visual Literacy

Dr. Ernst Wagner

Kunst und Design unterrichten: Der Europäische Referenzrahmen für Visual Literacy

Der 2016 veröffentlichte ‚Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Visual Literacy‘ ist die erste transnationale Beschreibung des kunstpädagogischen Feldes. Er ist kompetenzorientiert und handlungsorientiert, wobei keine spezifische fachdidaktische Position proklamiert wird.

Dr. Ernst Wagner leitete das europäische Konsortium, das – durch die EU finanziert – diesen Rahmen erarbeitet hat. Er gibt im Vortrag einen kurzen Einblick in die Grundlagen und präsentiert im Anschluss Beispiele, wie der Referenzrahmen im Unterricht zur Entwicklung von Aufgaben, Unterrichtskonzepten sowie zur Bewertung von Schülerleistungen eingesetzt werden kann.

Vortrag und Diskussion sind öffentlich, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.


Interdisziplinäres Forum zur Materialität des Lernens: Zahnräder

30. November 2017, 16-18 Uhr  (s.t.)
Lernwerkstatt 
im Haus 31, Franckesche Stiftungen zu Halle

Im Mittelpunkt der zweiten Veranstaltung stehen gebräuchliche Zahnräder und dazugehörige Ketten. Nach einer gemeinsamen didaktischen Reflexion der Gegenstände wird die dokumentierte Beobachtung einer konkreten Handlungssituation zur Diskussion gestellt.

Wir laden Kolleginnen und Kollegen sowie Studierende aller Lehrämter und Fachrichtungen sehr herzlich zum interdisziplinären Diskurs ein. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Zur Veranstaltungsreihe:

Hohe Anteile des Unterrichts in vielen Fächern und in allen Altersstufen bestehen aus der Arbeit mit Materialien unterschiedlicher Art, wie beispielsweise die Freiarbeit mit Lernmaterialien, die Durchführung von Experimenten im Physikunterricht, Materialerkundungen im Kunstunterricht oder die Gestaltung von Präsentationen. In all diese Schülertätigkeiten sind Objekte einbezogen – entweder in didaktischer Funktion oder in ihrer unmittelbaren Materialität im Kontext des Handelns von Schülerinnen und Schülern.
Die Unterrichtsforschung und auch die fallorientierte kasuistische Lehrerbildung beziehen sich allerdings bislang meistens auf die Analyse von Interaktionen zwischen Lehrpersonen und Schüler/-innen. Bei den Daten handelt es sich in der Regel um Verbaldaten und beim Untersuchungsgegenstand um sprachliche Interaktion. Mit einem solchen Analysefokus geraten materialorientierte Formen des Lehrens und Lernens weniger in den Blick. In jüngster Zeit gibt es in der qualitativen Unterrichtsforschung aber eine neue Aufmerksamkeit für die „Dinge des Wissens“ (Röhl 2013) und die „Materialität des Lernens“ (z.B. ZISU 2015). Daran will diese Veranstaltungsreihe anschließen und nach der Bedeutung von Objekten, Dingen und Materialität im Kontext von Unterricht fragen.
Vor dem Hintergrund verschiedener Fachdidaktiken werden jeweils ein spezifisches (Lern-)Objekt und dazu gehörige Beobachtungen aus dem Unterricht in den Mittelpunkt gestellt. Nach einem Input zu dem jeweiligen Objekt im Unterrichtskontext gilt die gemeinsame Reflexion der Erschließung des spezifischen didaktischen oder auch pädagogischen Potenzials dieses Objektes. In dieser Weise kann – durchaus im Sinne kasuistischen Lernens und Forschens – allgemein und interdisziplinär über eine Materialität des Lernens nachgedacht werden.

Eine Veranstaltungsreihe der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in Zusammenarbeit mit der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

Online: http://burg-halle.de/materialforum

Verantwortlich:

Prof. Dr. Georg Breidenstein
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Erziehungswissenschaft

Prof. Dr. Sara Burkhardt
Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Didaktik der bildenden Kunst

Prof. Dr. Thorid Rabe
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Didaktik der Physik

Miriam Schöps
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, KALEI, Team Lernwerkstatt

Vergangene Veranstaltungen

15. Juni 2017, 14-16 Uhr
1 – Die Waage
Im Mittelpunkt der Auftaktveranstaltung stand eine einfache Balkenwaage und der dazugehörige Wiegesatz. Nach einer gemeinsamen didaktischen Reflexion der Waage stellte Prof. Dr. Georg Breidenstein eine Unterrichtsbeobachtung, die sich um den Gebrauch der Balkenwaage dreht, zur Diskussion.


Runder Tisch: Übergänge gestalten

Der Landesverband Sachsen-Anhalt des BDK e.V. Fachverband für Kunstpädagogik lädt in Kooperation mit der Fachseminarleitung Kunst vom Staatlichen Seminar für Lehrämter und der Professur für Didaktik der bildenden Kunst an der BURG zu einem Runden Tisch mit Studierenden, Referendarinnen und Referendaren sowie Lehrerinnen und Lehrern des Schulfaches Kunst ein.
Wie bereitet das Lehramtsstudium Kunst auf das Referendariat und den späteren Beruf vor? Was muss eine zukünftige Kunstlehrerin, ein zukünftiger Kunstlehrer können? Wie lassen sich Übergänge gestalten?
Diese Fragen werden im Mittelpunkt der Diskussion stehen.

Termin: Mittwoch, 8.11.2017, 15.00 – 17.00 Uhr
Ort: Genscher-Gymnasium (ehemals Herder-Gymnasium)
Friesenstraße 3-4, 06112 Halle (Saale), Raum 421
Veranstalterinnen: Nicole Andreev, Prof. Dr. Sara Burkhardt, Christiane Küstner


graduiert ≈ präsentiert: Ausstellungseinführung für Lehrer/-innen

Die Burg Galerie im Volkspark lädt in Kooperation mit der Professur für Didaktik der bildenden Kunst an der BURG zu einer Ausstellungseinführung für Kunstlehrerinnen und Kunstlehrer ein. Die Kuratorin der Galerie, Dr. Jule Reuter, wird in das Konzept der Ausstellung graduiert ≈ präsentiert einführen und einzelne Arbeiten erläutern. Im anschließenden Gespräch werden Möglichkeiten der Anbindung an den Kunstunterricht vorgestellt, gesammelt und diskutiert.

Termin: Dienstag, 17.10.2017, 16.00 Uhr bis 17.30 Uhr
Ort: Burg Galerie im Volkspark, Schleifweg 8a, 06114 Halle (Saale)
Veranstalterinnen: Prof. Dr. Sara Burkhardt, Christiane Küstner, Dr. Jule Reuter
Die Veranstaltung ist kostenfrei, eine Anmeldung nicht erforderlich.

Vom 11. Oktober bis 12. November 2017 zeigt die Burg Galerie im Volkspark unter dem Titel graduiert ≈ präsentiert Arbeiten von Stipendiatinnen und Stipendiaten der Graduiertenförderung des Landes Sachsen-Anhalt aus den Jahren 2016 und 2017.
Die zehn Absolventinnen und Absolventen der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle aus den Fachbereichen Kunst und Design Robert Deutsch, Simone Distler, Kristina Heinrichs, Lado Khartishvili, Christoph Liedtke, Florian Milker, Sarah Pschorn, Sanna Schiffler, Stefan Schwarzer und Anja Warzecha haben in einem jeweils einjährigen Förderzeitraum neue Werkkomplexe entwickelt, die nun in der Ausstellung präsentiert werden.


Lange Nacht der Wissenschaften 2017: Dem Faden folgen

Zur diesjährigen Langen Nacht der Wissenschaften am Freitag, 23. Juni, spannt sich an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle von 17 bis 23 Uhr ein Faden vom Eingang des Campus Design quer durch die Werkstätten über die Hochschuldruckerei bis in die Textilmanufaktur. Unter dem Titel „Dem Faden folgen“ lädt ein umfangreiches Programm ein, diesem zu folgen und in ein von außen sonst kaum sichtbares Areal der BURG einzutauchen. Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen zeigen und erläutern Studierende, Lehrende und Werkstattmitarbeiter/-innen unter anderem, welches experimentelle Potenzial 3D-Druck hat, auf welche Weise Bücher gedruckt werden können, wie unterschiedliche Webstühle funktionieren und historische Wandbehänge mühselig rekonstruiert werden. Hin und wieder darf auch selbst Hand angelegt werden – beim Weben, beim Färben oder Drucken.

In Gesprächen mit den Besucherinnen und Besuchern erläutern Lehrende der BURG anhand von ausgewählten Objekten ihre Vorstellung von Forschung an einer Kunsthochschule – und dürfen dabei auch mal den Faden verlieren. Fragen sind zu jeder Zeit willkommen, Gespräche an allen Orten erwünscht. Eine Bar und jede Menge Sitzgelegenheiten sorgen für Entspannung und Abkühlung, bevor der Faden wieder aufgenommen wird.

Programm
17 bis 23 Uhr: scannen.lasern.3Ddrucken, Digitale Werkstatt / Zentrale Werkstätten
17 bis 21 Uhr: drucken.sehen.lernen, Hochschuldruckerei
19 bis 21 Uhr: sprechen.zuhören.nachdenken, Gesprächsrunden auf dem Platz zwischen Textilmanufaktur und Hochschuldruckerei
17 bis 23 Uhr: sitzen.trinken.reden, Bar vor der Textilmanufaktur
17 bis 23 Uhr: drucken.sehen.färben, Textildesign / Erdgeschoss der Textilmanufaktur
17 bis 23 Uhr: weben.sehen.erleben, Textile Künste und Textilrestaurierung / 1. Obergeschoss der Textilmanufaktur
17 bis 23 Uhr: sehen.zuhören.lernen. Textilrestaurierung / 2. Obergeschoss der Textilmanufaktur
17 bis 23 Uhr: experimentieren.färben.erleben, Textile Künste / Färberei im Erdgeschoss des Designhauses
17 bis 23 Uhr: experimentieren.schäumen.erleben, Industriedesign / Erdgeschoss des Designhauses


Freitag, 23. Juni 2017, 17 bis 23 Uhr
Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Campus Design, Neuwerk 7, 06108 Halle (Saale)
wissenschaftsnacht-halle.de

Konzept und Organisation: Prof. Dr. Sara Burkhardt, Prof. Aart van Bezooijen und Elisabeth Schunck

#lndwhalle #demfadenfolgen #burghalle


Stellungnahme zum Entwurf

fachlehrplan

 

Der Entwurf des neuen Fachlehrplans Kunsterziehung für Sachsen-Anhalt wurde in einem Anhörungsverfahren öffentlich zur Diskussion gestellt. Die folgende Stellungnahme der Professur für Didaktik der bildenden Kunst an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle wurde zum 15.04. an das Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt gesandt.


Stellungnahme zum Entwurf des neuen „Fachlehrplans Gymnasium Kunsterziehung“ für Sachsen-Anhalt

1. Bildung und Erziehung im Fach: Zur Bezeichnung des Faches

Im neuen Fachlehrplan wird das Schulfach mit „Kunsterziehung“ bezeichnet.
Im Grundsatztext (S. 2-10) ist jedoch meist von „Bildung“ die Rede. Es geht um eine „ästhetische Grundbildung“ (S. 2), die „Erschließung und Erarbeitung von Bildern“ (S. 2), die Entwicklung von „Bildkompetenz“ (S. 2), das „Entdecken, Hinterfragen und Positionieren“ (S. 2), „innovative(s) Denken und Handeln“ (S. 2), „wissenschaftliche Arbeitsmethoden“, usw. Die Eigentätigkeit des sich bildenden Lernenden sowie eine kognitive wie auch emanzipatorische Komponente ist hier angelegt, so dass es im Fach Kunst über „Erziehung“ hinaus gehen sollte, wenn auch „Erziehung“ sicherlich ein Teil des Kunstunterrichts sein mag.

Es handelt sich bei „Kunsterziehung“ zudem um einen historischen Begriff. Inzwischen wird die übergreifende wissenschaftliche Disziplin als „Kunstpädagogik“ bezeichnet, das Schulfach heißt in den meisten Bundesländern „Kunst“ oder „Bildende Kunst“. Es liegt daher nahe, das Schulfach auch in Sachsen-Anhalt mit „Kunst“ zu bezeichnen.

Seit dem 1.10.2015 studieren alle neu immatrikulierten Studierenden für das Lehramt Gymnasium an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle „Kunst (Lehramt an Gymnasien)“ und nicht mehr „Kunsterziehung“. Der Studiengang „Kunsterziehung“ wurde umbenannt, um an der BURG mit einer klaren und überregional verständlichen Begrifflichkeit zu agieren. Das Schulfach heißt „Kunst“ und auch an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg werden die Studiengänge des Lehramts in entsprechender Form benannt.

Der Landesverband Sachsen-Anhalt des BDK e.V. Fachverband für Kunstpädagogik hat sich bei seiner letzten Mitgliederversammlung im Februar 2016 ebenfalls einstimmig für eine Änderung der Bezeichnung des Faches ausgesprochen.


2. Entwicklung Fachbezogener Kompetenzen: Zum Bildbegriff und zum Kompetenzbegriff

Im Fachlehrplan wird von einem Bildbegriff ausgegangen, der recht eng gefasst erscheint.
Der Bildbegriff wird zwar wie folgt beschrieben: „Der Begriff Bild wird verstanden als umfassender Begriff für zwei- und dreidimensionale Objekte in Fläche und Raum, visuell geprägte Informationen sowie Prozesse visueller Erfahrungen.“ (S. 4). Diese in der Definition angelegte Offenheit wird in Folge (Jahrgangsstufen) jedoch nicht durchgehalten.
Bei prozessorientierten künstlerischen Arbeiten geht es nicht lediglich um Erfahrungen sondern auch um konkrete Handlungs- und Produktionsweisen. Zunehmend spielt Sound in künstlerischen Arbeiten eine Rolle und digitale Medien wirken mit traditionellen bildkünstlerischen Gattungen im Crossover. Gegenstand des Kunstunterrichts sollten somit auch zeitbasierte/audiovisuelle künstlerische Arbeiten sowie raumorientierte Darstellungen sein, die nicht unbedingt objekthaft sein müssen (z.B. Lichtinstallationen, Performances, mediale Installationen, Interventionen im öffentlichen Raum mit Aufführungscharakter).

Im Fachlehrplan erfolgt eine Einteilung in Kompetenzbereiche (S. 4). Es wird im Text deutlich formuliert, dass die Kompetenzbereiche „Wahrnehmen und Empfinden“, „Entwickeln und Gestalten“ sowie „Reflektieren und Präsentieren“ miteinander verzahnt sein müssen. Die Grafik (S. 5) ist insofern irreführend, als dass sie suggeriert, dass die drei Kompetenzbereiche voneinander unabhängig wie Puzzlestücke zusammengesetzt werden. Dabei ist zumindest Reflexion etwas, was sich durch alle Bereiche ziehen sollte, denn ohne Reflexion sind weder Produktion noch Rezeption sinnvoll in Unterrichtsprozesse einzubetten. Erst durch die Reflexion werden Erfahrungen und Erlebnisse ein „zentrales emanzipatorisches Element in einer medial bestimmten Welt“ (S. 5) — dies geschieht nicht automatisch. Diese Vernetzung der Fähigkeiten und Fertigkeiten im Sinne einer umfassenden Persönlichkeitsbildung könnte besser verdeutlicht werden. Hier gehören auch Aspekte wie die Gestaltung von Lernumgebungen, die Dokumentation von Lernprozessen, wie auch deren Transparenz bzw. die Reflexion von Lernwegen und Lernzuwachs durch die Schülerinnen und Schüler.
Die Ausführungen zur Arbeit mit digitalen Technologien (S. 9) wirken sehr konkret – hier wären offenere Formulierungen möglich, um einem zu schnellen „überholt sein“ entgegen zu wirken. Zudem ist der Begriff „Medienkunst“ hier nicht stimmig, es gibt durchaus mediale Kunstformen, die auch ohne „digitale Endgeräte“ (S. 9) erfahrbar sind — auch haptische Erfahrungen sind in diesem Kontext möglich. Auch kann es in diesem Bereich nicht nur um die Werkzeuge und Formen der Präsentationen gehen, eine Reflexion von aktuellen Technologien und Medienkulturen ist unabdingbar.
Die Bildauswahl erfolgt meist durch den Lehrenden (S. 10), doch werden auch zunehmende die Bildwelten der Schülerinnen und Schüler in den Kunstunterricht integriert, als Teil ihrer Lebenswelt. Die „grundlegende künstlerische, kunstgeschichtliche und kunsttheoretische Relevanz“ reicht demnach als Kriterium bei der Bildauswahl nicht aus. Wer bestimmt diese? Wie ist die Relevanz nachweisbar? Und was ist mit Bildern der Alltagskultur, des Design, der aktuellen Medienkultur, der Jugendkultur? Fallen diese heraus?

3. Kompetenzentwicklung in den Schuljahrgängen: Zu Struktur und Inhalten

Die Übersicht über die Kompetenzentwicklung (S. 11) enthält eine Reihe so genannter „Kompetenzschwerpunkte“. Hier verschieben sich in der Ausarbeitung zum Teil Ebenen, manche Schwerpunkte erscheinen sehr konkret (z.B. „Objekt und Verpackung untersuchen und gestelten“, „Werbung und Meinungsbilder analysieren und entwickeln“), andere Schwerpunkte wirken ungenau voneinander abgegrenzt (z.B. „Raum und Zeit“: „Erlebnisräume“ – „Aktionsräume“ – „Szenenräume“).
„Kompetenzschwerpunkte“ erscheint hier und in Folge als ein irreführender Begriff. Zwar werden immer wieder Verben verwendet, die eine Kompetenzorientierung suggerieren, doch erfolgt eine thematische Limitierung, die dann unter dem Punkt „Wissensbestände“ neu aufgegriffen wird. Die Idee der Kompetenzorientierung ist doch, dass zu erwerbende Kompetenzen formuliert werden, die dann als Ausgangspunkt für die Auswahl geeigneter Inhalte funktionieren. Diese schließen eine Lebensweltorientierung und die Schaffung von möglichst authentischen Kontexten ein, die ein selbsttätiges und handelndes Lernen ermöglichen. Hierzu gehören auch Ortswechsel, experimentelle Settings wie z.B. Lernen durch Lehren, Erprobung von Differenzierungsmöglichkeiten oder die Einbeziehung der Schülerinnen und Schüler in Unterrichtsplanung und Beurteilungsprozesse.

Die Tabellen zu den unterschiedlichen Jahrgängen (S. 12 -33) bergen meines Erachtens ein grundsätzliches Problem. Die Einteilung in „Kompetenzschwerpunkte“ und „Grundlegende Wissensbestände“ in der vorliegenden Tabellenform dürfte Leserinnen und Leser irritieren und das Verständnis erschweren. Natürlich bedarf es zur Entwicklung von Kompetenzen auch des Aufbaus von Wissen. Nur lässt sich beides nicht voneinander trennen, wie es die tabellarische Form suggeriert. Wenn Lernen als ein konstruktiver Prozess verstanden wird, dann haben wir nicht auf der einen Seite die zu erwerbenden Kompetenzen und auf der anderen Seite die Wissensbestände, die man braucht, um diese Kompetenzen zu bilden. So könnten die Tabellen aber gelesen werden. Es bräuchte also eigentlich einer Anleitung, wie eine Lehrerin oder ein Lehrer mit diesen Tabellen umgehen soll – um Missverständnisse zu vermeiden. Denn sonst könnte es dazu führen, dass der Leser oder die Leserin denkt, die Kompetenzen entwickeln sich automatisch, wenn die „Grundlegenden Wissensbestände“ vermittelt wurden. Hier müsste deutlich werden, dass die Vermittlung von Wissen mit der Anwendung von Wissen verbunden sein muss. Lehrende sollten sich fragen, mit welchen Inhalten, welchen Arbeitstechniken, Methoden, Aufgabenstellungen, Sozialformen etc die jeweils genannten Kompetenzen erlangt werden können. Zudem müsste den Lehrenden vermittelt werden, welche Bereiche verpflichtend sind (es ist ja kein „Rahmenplan“ sondern ein „Lehrplan“) und welche frei wählbar bzw. durch Kollegien und Individuen anpassbar sind.
Eine andere Einteilung und Bezeichnung würde hier schon helfen. Zu oft werden die Ebenen gewechselt, offene Anregungen wechseln mit engen Vorgaben ab (z.B. „Land Art“ als grundlegender Wissensbestand auf S. 13). Auch „Arbeitstechniken“ finden Eingang in Wissensbestände — dabei handelt es sich doch meist um konkrete Fertigkeiten oder Fähigkeiten (z.B. schreiben, zeichnen, entwerfen, …).  Mein Eindruck ist, dass der Begriff „Kunsttheorie“ in den Tabellen falsch verwendet wird. Er  bezeichnet im allgemeinen die Diskussion des zeitgenössischen Kunstbegriffs, in den
Tabellen ist aber m. E. etwas anderes gemeint (Fachbegriffe, fachspezifische Grundlagen, Gestaltungsmittel?).
Unter „Kunstgeschichte“ werden zudem Wissensbestände aufgeführt, die eher unter Architektur- oder Designgeschichte gefasst werden sollten (z.B. S. 15: „Form und Funktion
von Alltagsgegenständen und Verpackungen). Auffällig ist, dass mitunter Kompetenzen sehr konkret werden und schon Arbeitsweisen oder Anforderungen beinhalten (z.B. S. 18: „einfache und konstruierte Raumdarstellungen in Bildern erkennen und hinsichtlich der Raumillusion beschreiben“ oder „den eigenen künstlerischen Arbeitsprozess in Abhängigkeit von einer Aufgabenstellung dokumentieren und darstellen (z.B. Portfolio, Skizzenbuch)).
Häufig suggerieren aber auch die Kompetenzen eine Weite und Flexibilität, die dann anhand der „Grundlegenden Wissensbestände“ reduziert wird (z.B. S. 21: „Erlebnisraum“ klingt weit, wird dann aber auf „Geschichte des Profanbaus“ bzw. auf „autonome Plastik“ reduziert, obwohl gerade hier mediale Installationen/Räume anregend wirken könnten. „Zeit“ spielt bei den grundlegenden Wissensbeständen keine Rolle.). Auch verstecken sich häufig in den Kompetenzen und Wissensbeständen Themenbereiche, die in der Überschrift anders oder gar nicht genannt werden (S. 21: „Raum und Zeit—Erlebnisräume konzipieren und gestalten“ = Plastik und Architektur?; S. 22: „Individuum und Kultur — Bild im Aufbruch interpretieren und für eigene Ausdrucksformen experimentell nutzen“ = Klassische Moderne?; „Raum und Zeit — Aktionsräume erschließen und Aktionsformen umsetzen“ = Aktionskunst/Theater?; usw.).

Das dem Lehrplan offenbar zugrunde liegende Spiralcurriculum wird nicht deutlich. Einführungen und Vertiefungen müssten voneinander abgegrenzt werden, sonst entsteht der Eindruck, die Lernenden werden z.B. erst in der 10. Klasse mit „Bild und Zitat“ oder „Visualisierungsmethoden“ (S. 26) konfrontiert und aktuelle Kunst spiele erst in der Oberstufe eine Rolle. Auffällig ist auch eine starke Konzentration auf die Gestaltung auf der Fläche, Raum- und Prozessorientierung werden zwar genannt, aber nicht konkretisiert.
Auch forschendes Lernen, aktuelle Ansätze der Kunstvermittlung oder künstlerische Prozesse jenseits eines doch gerade in der Kursstruktur der Oberstufe eng erscheinenden Bildbegriffs finden keine Erwähnung. Gerade hier ist auffällig, dass es um sehr zielorientierte gestalterische Verfahren geht, Experimente und Erprobungen künstlerischer Herangehensweisen sind scheinbar nicht vorgesehen. Hier wird Potenzial für einen zeitgemäßen und zukunftsorientierten Unterricht vergeben, der auf der anderen Seite in der Lehrerbildung in Studium und zweiter Phase gefördert und gefordert wird.

Ich wäre erfreut, wenn die genannten Anmerkungen zur Kenntnis genommen würden und möglicherweise bei einer Überarbeitung Berücksichtigung fänden.

Mit freundlichen Grüßen
Sara Burkhardt

Prof. Dr. Sara Burkhardt
Didaktik der bildenden Kunst
Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle


Let’s Hello! Entkommen, Ankommen, Willkommen gestalten.

2016-03-29 15.07.31

OPEN SPACE an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

Sa. 16.4.2016, 10–17.30 Uhr und So. 17.4.2016, 10–14 Uhr

Künstler_ und Designer_innen sind in Sachen Politik selten die, die nach einem Beitrag gefragt werden … Meistens agieren sie daher auf eigene Initiative, mal leise, mal laut und oft wirkungsvoll. Die aktuelle Situation in der Welt und in Deutschland fordert Haltung, wie sie sich die BURG schon mit ‚Weltoffenheit‘ auf ihre Fahnen geschrieben hat. Weiter fordern diese Umstände auf, Gesellschaftsprozesse aktiv mitzugestalten, da wir mit den Menschen, die in unser Land kommen vor einer Integrationsaufgabe stehen.

Was können wir beisteuern? Wo können wir anpacken? Was können wir initiieren, gestalten, ins Leben rufen oder als Frage formulieren? Filmisch, poetisch, modellhaft, vermittelnd, bildnerisch, installativ, guerillastrategisch, performativ, viral, humoristisch, kulinarisch, spielerisch … zu arbeiten ist unsere Kompetenz.

Beim OPEN SPACE sollen interessierte und engagierte Menschen aus Halle, Geflüchtete, Künstler_ und Designer_innen zusammenkommen, um sich interdisziplinär auszutauschen. Von vorhandenen Projekten kann erzählt, Teams verstärkt und neue Ideen zum Thema (weiter)entwickelt werden.

Weitere Informationen und Anmeldung: http://www.burg-halle.de/hochschule/information/aktuelles/a/lets-helloentkommen-ankommen-willkommen-gestalten/