Vortragsreihe ORTSBESTIMMUNGEN – Raumkritik und Raumsuche

Ghost Town Cisco, 2022, Foto: Nike Bätzner

Es ist eine Lust, Räume zu durchmessen, auszuschreiten, Überblick zu gewinnen, aber auch Peripherien zu erkunden, herumzustreunen, sich zu verlaufen und dadurch Unerwartetes zu entdecken. Der Flaneur, der eine Schildkröte am Band mit sich führte, um das richtige Tempo zu haben, wird von Walter Benjamin um 1840 verortet. Heute sind wir darauf geeicht, selbst das Spazierengehen zu einer Wissenschaft zu machen. Wir werden dazu erzogen, eine Perspektive zu entwickeln und (neue) Horizonte anzuvisieren. Aber schon im „anvisieren“ steckt die militärische Strategie des auf etwas Zielens, die Aneignung von Territorien. Was bedeutet daher „Raum“, was bedeutet „Heimat“ in Zeiten von Eroberungskriegen und imperialem Großmachtdenken? Kann es für Geflüchtete eine neue Verortung geben oder gibt es den Ort nur noch als Verlusterfahrung? Welcher Raum „gehört“ uns, welcher schließt aus, welcher verbleibt nach kapitalistischer Privatisierung? Wo gibt es Orte der Gemeinschaft, eine Allmende; wie lässt sich hierfür vermeintlich öffentlicher Raum zurückgewinnen? Kann es eine „ehrenhafte Ernte“ (Robin Wall Kimmerer, 2021) geben, einen ressourcenschonenden und verantwortungsvollen Umgang mit dem, was uns umgibt?

Die im 20. Jahrhundert aufblühende Raumtheorie verstand sich in erster Linie als Raumkritik, als Kritik der Zurichtungen, die der Raum in der Moderne erfahren hat. Die Phänomenologie beklagte die Unterordnung der konkreten räumlichen Erfahrung unter abstrakte, geometrische Raummodelle. Marxistische Theoretiker wie Siegfried Kracauer und Walter Benjamin beschrieben die Verwandlung des städtischen Raums im Bann von Warenfetischismus und Massenproduktion. Arbeiten zur Staatstheorie, zur Wirtschaftsgeschichte und zur Medientheorie machten deutlich, wie eng politische Herrschaft mit der Beherrschung des Raums verbunden ist, mit Prozessen der Besetzung, Aufteilung und Vermessung des Landes, der Kanalisierung von Strömen, der Organisation von Verkehrswegen und Kommunikationsnetzen. Einen Höhepunkt erreichte die kritische Tendenz des Raumdenkens im Umfeld der Counter Culture um 1968. Die kritische Theorie entlarvte „Architektur als Ideologie“; die Situationisten kämpften gegen die funktionalistische Neuordnung der Stadt und erdachten dafür die Technik des „dérive“, eines ziellosen Umherschweifens im Stadtraum. Mit dem Begriff der Heterotopie schuf Michel Foucault 1967 einen Gegenbegriff zu dem der Utopie: Die „anderen Räume“, von denen er sprach, existierten nicht nur in der Phantasie oder der Literatur; es handelte sich um reale Räume, geschlossene Milieus, in denen, geschützt vor dem umgebenden hegemonialen Raum, neue, „utopische“ Formen der Vergemeinschaftung erprobt werden konnten. Michel de Certeau entwarf ein ganzes Arsenal von subversiven „Praktiken im Raum“, von „Taktiken“ der Bewegung in der Stadt, die sich der stillstellenden, strategischen Übersicht, der Perspektive der Architekt*innen und Raumplaner*innen entzogen. In Auseinandersetzung mit den Gefängnisrevolten der frühen 1970er-Jahre entwickelte Foucault das überaus einflussreiche Konzept des Disziplinar- und Überwachungsraums. Seit den 1980er-Jahren war dann, nicht weniger kritisch, vom Verschwinden des Raums die Rede, vom Verlust der Orte und der Orientierung im Zeichen der Beschleunigung (Virilio), der Simulation (Baudrillard) oder der Globalisierung (Augé). Mit seinem „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ (1990) brachte Gilles Deleuze schließlich die Foucaultsche Raumtheorie auf den aktuellen Stand der Netzwerktechnologie: Das Paradigma der Disziplin ist dem der Kontrolle gewichen, an die Stelle der strikten Ortszuweisung tritt die ununterbrochene Erfassung der Bewegungen im Raum.

Aus den Perspektiven der Kunst, der Kunstgeschichte, der Kunstpädagogik und der Philosophie werden wir in dieser Vortragsreihe gemeinsam mit Gästen die Potenzialitäten von Räumen betrachten.

Ort und Zeit: Hörsaal 008, Neuwerk 7 // Dienstags, 16:15 – 17:45 Uhr

Weitere Informationen HIER

Vortragstermine:

11.10.2022    Prof. Dr. Nike Bätzner, BURG
Erdhöhlen und Himmelsbügel. Eine Suche nach Räumen unter und über der Erde

18.10.2022   Prof. Dr. Sara Burkhardt, BURG
Das Loch im Zaun. Ein kunstpädagogischer Blick auf Gärten und städtischen Raum

1.11. 2022     Prof. Dr. Nina Möntmann, Universität zu Köln
Das zeitgenössische anthropologische Museum

8.11.2022      Prof. Dr. Stephan Gregory, BURG
Jesuitische Tropen: Eine Heterotopie wird besichtigt

22.11.2022   Prof. em. Dr. Klaus-Peter Busse, Dortmund
Mapping: ein künstlerisches Narrativ in der Kunstpädagogik. Vom Emscher-Panorama zum Ruhratlas

29.11.2022    Prof. Dr. Regina Bittner, Stiftung Bauhaus Dessau
Schwankende Ortsbezügen: Überlegungen zu Architekturen des Unterwegsseins

13.12. 2022   Prof. Dr. Henning Schmidgen, Bauhaus-Universität Weimar
Existentielle Territorien. Felix Guattari und die Produktion von Subjektivität

20.12.2022    Prof. Dr. Maren Ziese, Universität Duisburg-Essen
Raum lassen: Posthumanistische und ökologische Räume im Kontext von Kunstpädagogik

17.1.2023      Prof. Dr. Maria Muhle, Akademie der Bildenden Künste München
Dispersionen im Raum. Roger Caillois’ mimetische Milieus

24.1.2023      Prof. Dr. Elke Krasny, Akademie der bildenden Künste Wien
Im Gehen: Feministische Spaziergangswissenschaft als kritische Kulturanalyse

31.1.2023     Prof. Dr. Helmut Draxler, Universität für Angewandte Kunst Wien
Transzendenz und politischer Raum

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