Körper, Stimmen, Texte und ein Kasten. CYNETART ’13 Tag 3

CYNETART im Festspielhaus Hellerau. In der Performance „Flesh Waves“ (Isabelle Choinière, Audrey-Anne Bouchard und Ricardo Dal Farra) bilden fünf Frauen ein Knäuel aus Körpern, manchmal wirken sie wie ein atmender Organismus, sich ausdehnend und wieder zusammenziehend, wie ein Meerestier, eine Molluske, ein Zellenhaufen. Das Publikum sitzt sehr nah dran, es ist dunkel, der Sound wandert durch den Raum. Das Atmen, Ächzen, Singen der Tänzerinnen scheint von überall her zu kommen. Eine sinnliche Erfahrung, angenehm reduziert, bis leider Plastikfolie ins Spiel kommt. Diese erzeugt zwar gute Geräusche, bringt aber neben dem Sound und den Körpern ein weiteres Material/Element ein, welches fast übermächtig wirkt und das angenehm Puristische der Performance auflöst. Andererseits ist es als weiteres Element vielleicht auch notwendig, weil es das sich Drehen um die eigene Körperlichkeit, den scheinbar autonomen Organismus mit etwas Fremdem, einem neuen Material und einem Außen konfrontiert.
In der Ausstellung entdecke ich einen dunklen Kasten. An der Seite sind Lautsprecher, vorne ist ein großer silberner Knopf angebracht, eine Art Regler. Ein Besucher setzt sich auf den Kasten und beginnt, am Regler zu drehen. Seine Freunde meinen, eine Veränderung in der nahen Projektion einer anderen Arbeit zu entdecken. Interaktion? Sie sind sich nicht sicher, ob sich wirklich etwas verändert und ziehen weiter. Ein weiterer Besucher kommt und dreht am Knopf. Horcht am Kasten, aus dem leise Geräusche kommen. Enttäuscht geht auch er weiter. Ich sehe mich um und entdecke im Vorraum ein Plakat, das erklärt, wie man eine App herunterladen kann, eine Art Ausstellungsguide. Ich klicke mich durch das Procedere und gebe die Nummer der Arbeit ein. #40. Hannes Waldschütz: Volume (2011). Das Geräusch wird lauter, während ich vor dem Kasten stehe. Ich warte. Möchte herausbekommen, wie laut es wird. Einem Pärchen, das irritiert vor dem Kasten steht, erkläre ich, dass das Geräusch lauter wird, solange es nicht mit dem Knopf heruntergeregelt wird. Wir warten gemeinsam. Das Geräusch wird lauter. Ein Mann kommt und greift sofort nach dem Knopf, stellt das Geräusch leise – wir haben keine Chance, so schnell zu interagieren, wie er mit der Maschine interagiert.
Eine Audioinstallation in einem anderen Raum: „Calling Utopia“ (2013) von Hannah Sieben. Auch diese Arbeit benötigt Zeit. Zuhören. Texte lesen. Verstehen. Wechselnde Stimmen antworten am Telefon, beschreiben ihren Ort, „Utopia“ in Texas. Ein idyllischer Ort, scheinbar. Doch schnell wechseln die Beschreibungen, Konflikte werden deutlich, Störungen schalten sich dazwischen. Im gleichen Raum ist Timo Hinzes Arbeit „Die flüssige Fabrik“ zu sehen. Auch hier viel Text, kollektives Lesen, schmunzelnde Besucher/-innen. Es geht um Arbeit, um Machtstrukturen, um das Subjekt und seinen Versuch der Selbststeuerung.
Morgen weiter.


One Comment on “Körper, Stimmen, Texte und ein Kasten. CYNETART ’13 Tag 3”

  1. parmon sagt:

    Top! Best textual impression of the festival so far. Bilder und Text mit Tiefe, von ‚kritischer Schaufel‘ ausgehoben.
    parmon (www.cynetart.de)


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