Eröffnung am Sonntag: VOT KEN YOU MACH?

Tehnica Schweiz - Gergely László & Péter Rákosi: The Idol of Denial (Arbeitstitel). 2013. Video

Tehnica Schweiz – Gergely László & Péter Rákosi: The Idol of Denial (Arbeitstitel). 2013. Video

Kunst, Filme, Konzerte, Lesungen, Gespräche, Comics zu jüdischen Identitäten in Europa heute

Yael Bartana (Amsterdam/Tel Aviv/Berlin), Amit Epstein (Berlin), Karolina Freino (Wrocław) mit James Muriuki (Nairobi), Eduard Freidmann (Wien), Rafał Jakubowicz (Poznan), Sharone Lifschitz (London), Tamara Moyzes (Prag), Ruth Novaczek (London), Krystyna Piotrowska (Warschau), Nikola Radić Lucati (Tel Aviv/Belgrad), Barak Reiser (Frankfurt a. M.), Eran Schaerf (Berlin), Anna Schapiro (Dresden), Maya Schweizer (Berlin/Rom), Tehnica Schweiz Gergely László & Péter Rákosi (Berlin/Budapest), Tal Sterngast (Berlin), Shira Wachsmann (Berlin), Arye Wachsmuth (Wien), Claire Waffel (Berlin) Kuratorisches Team: Christiane Mennicke-Schwarz (Dresden), Dorota Monkiewicz (Wrocław), Valentina Marcenaro (Dresden), Rafał Jakubowicz (Poznan)

Wer bin ich? Eine Frage, auf die jeder Mensch je nach Situation eine Vielzahl von Antworten hat. In den 1920er Jahren schrieb der Sänger Aaron Lebedeff ein Lied, dass die rasanten kulturellen Veränderungen beschrieb, die in New York resultierend aus einer Einwanderungswelle zu einer neuen Kultur und Sprache führten. In der Sprache dieses Songs findet sich das amerikanische Englisch der neuen Heimat mit Spuren des Jiddischen aus der alten Heimat wieder. Vot ken you mach? Was ist zu tun? besingt einen aus heutiger Sicht sehr zeitgemäßen Zustand, das Bewusstsein, dass Identität mit Veränderung einhergehen muss, um lebendig zu sein ist das Thema. In der Ausstellung Vot ken you mach, ausgerichtet vom Kunsthaus Dresden gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde einer Vielzahl weiterer Partner in der Stadt, zeigen junge wie auch namhafte Künstlerinnen und Künstlern aus London, Prag, Warschau, Wroclaw, Belgrad, Budapest und Berlin heutige Perspektiven auf die Frage nach Identität in Europa.

Identität als Prozess
Mit erstaunlichem Mut und Leichtigkeit gehen die Künstlerinnen dabei auch auf die Befangenheit und die Tabus ein, die auch in der dritten Generation nach der Schoa vorhanden sind. Dabei führt die Auseinandersetzung mit dem Schweigen, den fehlenden Orten wie auch den ‚missing links’ einer jüdisch-europäischen Geschichte zu einer Vielfalt an künstlerischen Formen. Richtungweisend ist hierbei die Auseinandersetzung mit Geschichte und Geschichten, also mit historischen wie auch persönlichen Narrativen. Amit Epsteins filmisch-musikalische Revue ‚Stockholm-Syndrom’ beschreibt eindringlich die europäische Identität, die er durch seine Großmutter vermittelt bekommt, seine Rückkehr nach Deutschland wie auch den Alltag, in dem er der unversehens der Geschichte begegnet. Auch die in London lebende Künstlerin Sharone Lifschitz veranschaulicht das dialogische Prinzip von Identität: Indem sie in deutschen Zeitungen eine Anzeige schaltet mit dem Wortlaut: “Young Jewish woman visiting Germany would like to have a conversation about nothing in particular with anyone reading this” (Junge jüdische Frau, die Deutschland besucht, hätte gern ein Gespräch über nichts Besonderes mit jemandem, der dies liest.) eröffnet Lifschitz einen künstlerischen Raum für den Austausch, der weniger auf Antworten als auf eine Fortsetzung im gesellschaftlichen Diskurs gerichtet ist.

Auf- und Entdecken von Geschichte/n
Die Frage nach jüdischer Geschichte und Gegenwart führt auch in die Kunstgeschichte als gemeinsames europäisches Erbe; Gergely László & Péter Rákosi aus Budapest und Berlin bringen eine Replik von Michelangelos Moses, für Freuds Thesen zur Religion eine wichtige Inspirationsquelle war und nun unter anderem in der ungarischen Provinz schlummert, im wahrsten Sinne des Wortes zum Sprechen. Auch Yael Bartana, die mit ihren Arbeiten in den letzten Jahren international mehrfach heftige Kontroversen ausgelöst hat, spielt in ihrer Arbeit im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr ebenfalls darauf an, dass Kunstgeschichte und gesellschaftliche Entwicklung sich nicht abgeschlossene Kapitel verwandeln lassen. Die ‚Kriegskrüppel’ von Otto Dix, die im Zuge der in Dresden erstmals inszenierten Diffamierungskampagnen der kritischen Avantgarde als ‚Entarte Kunst’ verschollen sind, marschieren hier erneut, vielleicht um uns in Erinnerung zu rufen, dass mit den Geistern der Vergangenheit im positiven wie im negativen Sinne stets ein bewusster Umgang gepflegt werden muss. Vot ken you mach? Konzerte, Filme, Gespräche, Performances und weitere Ausstellungen bieten Einblicke zu Fragen von Kunst und (jüdischer) Identität: Strategien der Identitätsverschiebung in der Popkultur, neue Szenen jüdischer Kultur in Osteuropa, Familiengeheimnisse und das Schweigen zwischen den Generationen, Gedenken als Verpflichtung, die ungeschriebene Kulturgeschichte jüdischer Rache und die Suche nach einem ‚normalen’ jüdischen Alltag sind hier thematische Schwerpunkte.
(Text von der Website des Kunsthauses Dresden)

Eröffnung am Sonntag, 1. Dezember, 16 Uhr


Wilde Töne, neue Landschaften, Weinen und animierter Schnee. CYNETART_13 Tag 4

Wieder CYNETART. Viel Zeit wird benötigt für diese Ausstellung, sich einlassen können. Auch wenn mitunter laute und wilde Geräusche entstehen, zum Beispiel beim Entlangfahren der Finger an den Rändern eines auf den Kopf gestellten Deltas, wie es die Arbeit ANÁDELTA der XEX GRP erlaubt. Hier befinden sich Sensoren, die auf die Berührung der Finger reagieren. Die Größe des Deltas zwingt den Betrachtenden, sich zu bewegen und seinen Körper in ein Verhältnis zum Objekt zu bringen.
Ein anderer Raum. Langsam entstehen auf einer großen Doppelprojektion über Eck neue Landschaften. „No Land in Sight“ ist der Titel. Wolken werden ausgeschnitten, neu platziert, ein Berg kleiner geschnitten, der Horizont verrückt. „Das ist doch nur Photoshop, das ist doch einfach“ sagt ein Besucher. Aber es sind Videosequenzen, die hier durch die Veränderung vorgefundenen Materials von Nicolás Ruppcich und Frank Leffrak entstehen, fiktive Landschaften unter hellblauem Himmel.
Im Eingangsbereich steht eine Wand aus vielen Monitoren. Porträts unterschiedlicher Menschen sind zu sehen. Die Menschen weinen oder sind kurz davor. Der Titel ist kompliziert: „@BASJANADER #I’MTSTTY“ von Sven Bergelt. Die App hilft, mir wird erklärt, dass es sich um ein Reenactment des Films „I’m too sad to tell you“ (1971) von Bas Jan Ader handelt. Darin bricht der Künstler vor einer Kamera sitzend in Tränen aus, als Möglichkeit der nonverbalen Kommunikation – oder zum Aufzeigen der Grenzen sprachlichen Ausdrucks. Begelt hat 2007 ein Reenactment des Films produziert und auf YouTube hochgeladen. Die Filmsequenzen auf den Monitoren zeigen die Reaktionen von Nutzerinnen und Nutzern, die hier wiederum das Video von Begelt reenacten.
In einem weiteren Raum steht ein kleiner Monitor auf dem Fußboden an der Wand, fast unbeachtet im Durchgang. Gegenüber ein Kissen, auf das man sich setzen könnte. Ist dies „SNOW“ von KONG Chun-Hei? Ich bleibe stehen. Ein älterer Herr kommt vorbei und sagt „Da ist ja nichts zu sehen.“ Ich erwidere „Doch.“. Er sagt „Na ja, Bildstörung.“ Ich setze mich hin und betrachte das Rauschen auf dem Monitor noch eine ganze Weile.

Später finde ich dies im Netz:

Snow

One day, I sat in front of the television and waited for the coming programe, but suddenly, the television lost the signal and „snow“ overwhelm for a while. Without other programs, the television is working in it’s specific way. It seems being liberated owing to the disorder.
I drew 20 pieces of „snow“ and used them to make an animation which is shown on a television. So that, „snow“ could be isolated from the other channels and be treated as the only speech of the television.

http://www.kongchunhei.com/snow.html


Körper, Stimmen, Texte und ein Kasten. CYNETART ’13 Tag 3

CYNETART im Festspielhaus Hellerau. In der Performance „Flesh Waves“ (Isabelle Choinière, Audrey-Anne Bouchard und Ricardo Dal Farra) bilden fünf Frauen ein Knäuel aus Körpern, manchmal wirken sie wie ein atmender Organismus, sich ausdehnend und wieder zusammenziehend, wie ein Meerestier, eine Molluske, ein Zellenhaufen. Das Publikum sitzt sehr nah dran, es ist dunkel, der Sound wandert durch den Raum. Das Atmen, Ächzen, Singen der Tänzerinnen scheint von überall her zu kommen. Eine sinnliche Erfahrung, angenehm reduziert, bis leider Plastikfolie ins Spiel kommt. Diese erzeugt zwar gute Geräusche, bringt aber neben dem Sound und den Körpern ein weiteres Material/Element ein, welches fast übermächtig wirkt und das angenehm Puristische der Performance auflöst. Andererseits ist es als weiteres Element vielleicht auch notwendig, weil es das sich Drehen um die eigene Körperlichkeit, den scheinbar autonomen Organismus mit etwas Fremdem, einem neuen Material und einem Außen konfrontiert.
In der Ausstellung entdecke ich einen dunklen Kasten. An der Seite sind Lautsprecher, vorne ist ein großer silberner Knopf angebracht, eine Art Regler. Ein Besucher setzt sich auf den Kasten und beginnt, am Regler zu drehen. Seine Freunde meinen, eine Veränderung in der nahen Projektion einer anderen Arbeit zu entdecken. Interaktion? Sie sind sich nicht sicher, ob sich wirklich etwas verändert und ziehen weiter. Ein weiterer Besucher kommt und dreht am Knopf. Horcht am Kasten, aus dem leise Geräusche kommen. Enttäuscht geht auch er weiter. Ich sehe mich um und entdecke im Vorraum ein Plakat, das erklärt, wie man eine App herunterladen kann, eine Art Ausstellungsguide. Ich klicke mich durch das Procedere und gebe die Nummer der Arbeit ein. #40. Hannes Waldschütz: Volume (2011). Das Geräusch wird lauter, während ich vor dem Kasten stehe. Ich warte. Möchte herausbekommen, wie laut es wird. Einem Pärchen, das irritiert vor dem Kasten steht, erkläre ich, dass das Geräusch lauter wird, solange es nicht mit dem Knopf heruntergeregelt wird. Wir warten gemeinsam. Das Geräusch wird lauter. Ein Mann kommt und greift sofort nach dem Knopf, stellt das Geräusch leise – wir haben keine Chance, so schnell zu interagieren, wie er mit der Maschine interagiert.
Eine Audioinstallation in einem anderen Raum: „Calling Utopia“ (2013) von Hannah Sieben. Auch diese Arbeit benötigt Zeit. Zuhören. Texte lesen. Verstehen. Wechselnde Stimmen antworten am Telefon, beschreiben ihren Ort, „Utopia“ in Texas. Ein idyllischer Ort, scheinbar. Doch schnell wechseln die Beschreibungen, Konflikte werden deutlich, Störungen schalten sich dazwischen. Im gleichen Raum ist Timo Hinzes Arbeit „Die flüssige Fabrik“ zu sehen. Auch hier viel Text, kollektives Lesen, schmunzelnde Besucher/-innen. Es geht um Arbeit, um Machtstrukturen, um das Subjekt und seinen Versuch der Selbststeuerung.
Morgen weiter.


FLURGESPRÄCHE_22 in Bildern

Weitere Bilder von den FLURGESPRÄCHEN hier: http://www.flickr.com/photos/einfuehrung_kupaed/sets/72157624098808989/


FLURGESPRÄCHE_22: Zwischen den Stühlen?

Plakat_Final

Dienstag, 12. November, ab 18:30
Flur der August-Bebel-Straße 20 (Erdgeschoss)

Zwischen den Stühlen? Von Kunst, Pädagogik und Kunstpädagogik

Die FLURGESPRÄCHE_22 richten den Blick auf unser eigenes Selbstverständnis – Was werden wir, was sind wir eigentlich? Künstler/-innen? Pädagog/-innen? Kunstpädagog/-innen? Letzteres sollte klar sein – doch was bedeutet das? Wieviel Künstler steckt in jedem von uns? Wie zeigt sich das? Und was ist mit Künstlern an Schulen, die keine Pädagogen sind? Können sie etwas anders? Besser? Oder etwas Anderes besser? Was macht eigentlich unsere Fachlichkeit aus?

Diese FLURGESPRÄCHE setzen sich in Anlehnung an die 2. bundesweite Tagung der Studierenden der Kunstpädagogik „Auf dem Sprung“ in Hamburg mit dem Verhältnis von Kunst und Pädagogik in der Praxis auseinander. Zu einer offenen Diskussion mit Gästen aus verschiedenen Bereichen ist das Publikum herzlich eingeladen.